Geschichten
von Symposien

Harald Jegodzienski
Schafe, Tide und die Kunst des Bogenschießens

2. Intern. Künstlersymposium auf dem Seminarhof „Affinität“
in Rechtenfleth
(bei Bremen)
4. – 14. 9. 2006
   

veröffentlicht in:
UP ART (BBK) Dezember 2006
Ausgabe 20

Die von Wissenschaftlern festgelegte Intimdistanz zwischen Mitbürgen von 60 cm wurde hier bei Weitem unterboten: Man lehnte sich an, streifte sich im Vorüber-gehen, rempelte notgedrungen. Es ist heiß, jeder dünstete weiträumig aus … Ver-schiedene Düfte, bevorzugt süße Erdbeerwolken, wurden als Gegenmittel dieser prekären Situation massiv versprüht. Streck- und Dehnübungen, Schütteln er-hobener Hände als Lockerung und herzhaftes Gähnen waren ständiger Begleiter …

   Die Rede ist von einer Busfahrt, genauer: der 28-stündigen Fahrt von Riga (Lettland) nach Bremen (Deutschland). Zwei Städte, die sich seit langem verschwistert haben und viele Berührungspunkte aufweisen. Symbolisch dafür sollen die an zentralen Orten beider Städte der „Roland“, Zeichen freier Hansestädte, und die berühmten, märchenhaften „Stadtmusikanten“ stehen.

   Wir sind auch eine „muntere Truppe“, die nicht gerade musizierend, doch aber bildnerisch einiges auf die Wegstrecke bringen will. Die Bedingungen dafür sind hervorragend: Direkt hinter dem Weserdeich, unweit von Bremen, entstand vor 2 Jahren ein Seminarhaus, eine Tagungsstätte auf dem Anwesen von Hanne und Peter, wo Konzerte, Ausstellungen, Seminare und Symposien ihre Heimsatt finden.

   Wenn über längere Zeit gutes Essen in der „Fremde“ gereicht wird, erinnert man sich gern an die in der Jugendzeit verschickten Postkarten mit den Wohlergehens-bekundungen und Mitteilungen der guten Verpflegung, - für die Eltern beruhigende Zentralmitteilungen. Daher wird das Wichtigste des Symposium nun an den Anfang dieser Schilderung gesetzt: Hier bezieht sich obige Aussage allerdings nicht nur auf die Quantität der zugenommenen Speisen, sondern besonders auf die Qualität und der Tatsache, dass wir grundsätzlich vegetarisch von Inka und Grazyna verpflegt werden. Dass unser gemeinsame Aufenthalt auch noch in der Pflaumen- und Apfelzeit hineinreicht soll darauf hinweisen, dass üppige Kuchen und Torten im weiträumigen Innenhof in Symposiums-Runde verzehrt werden.

   Ein Hinweisschild am Staketenzaun des Gehöfts verspricht, dass hier in der Logopädie-Praxis von Hanne SprachZeiten zu erleben sind. Auch wir erleben diese: Wieder dieses Ausloten verschiedener Standpunkt über Grenzen hinweg und das Abgrasen der Meinungsareale. Nun doch schon tiefer und schneller eingängig, da wir schon genau vor einem Jahr uns in Lettland zusammengefunden haben. Neue Positionswinkel und Wege breiten sich aus, - die Erfahrungen eines Jahres kann man in Gesprächen vernehmen und später in den Arbeiten lesen.

   Nun soll es Ernst werden: Zeichenmappen, Keil- und Spannrahmen, Alabaster-blöcke und entsprechende Instrumentarien werden positioniert – die Startblöcke sind besetzt. - Eine eigentümliche, nachdenkliche Ruhe kehrt danach ein und man besinnt sich als Aufwärmübung auf die Neugierigkeit, in welcher Umgebung man sich eigentlich befindet. Die Kreise der Erkundungen werden immer größer mit den bereitgestellten Fahrrädern um das Symposiumszentrum gezogen. Unter diesen spannungs- bzw. ereignisreichen Voraussetzungen werden hunderte von Deich-schafen schnell zu Schäfchenwolken, zeichnet die spätsommerliche Gegenlichtsonne im Wesersand mit dem ablaufenden Ebbewasser goldene Harfensaiten, versetzt die meditative Handhabe mit Pfeil und Bogen uns in besondere Schwingungen. Zu alledem lauern in nicht allzu großer Zeitspanne und Entfernung ein alter Friedhof, Museum und die Traditionskneipe mit dem legendären Brataal dieses kleinen Dörfchen auf uns …

   Und tatsächlich: Die Schafe findet man nicht nur auf der Deichkappe, sondern auch auf der Leinwand von Sylvia mit der dazugehörigen Geschwisterschar im Azurblau; Das Erstaunen über die Transparenz und geradezu Immaterialität des Alabaster von Rosa ist ungemein, dass es an die Sonnenspiele in der Weser erinnerte und verknüpft mit diesem Bild das Flirren der Kugelschreiberarbeit Ilutas; Ich (Harald) untersuche 7 von 20 Regeln des Bogenschießens auf den Akt der Zeichnung zu übertragen.

   Das Primat der Linienführung setzt sich fort: Mâris entwickelt mit wenigen Strichen Sinnbilder, kommentiert mit markigen Texten („Ideen sterben wie die Realität“). Johann erzählt mit Stift und Farbe auf Seide fantastische Geschichten und Alexej bannt zeichnerisch Zäune der Umgebung auf das Papier und spürt damit seine „Grenzerfahrungen“ auf. Oliver schneidet als persönliche Orts-Bezugsnahme Schriftzüge in Postkarten, Diane zeichnet ihre Erlebnisse als Piktogramm-Notizen und Barbara überzeichnet ihr verschwommenes Selbstporträt mit klaren Wachsspu-ren. Unsere Symposiumsgruppe ist komplett mit Patricija (Malerei) und Claudia, die mit bunten Landkartensticker „temporäre, skulpturale Setzungen“ unternimmt.

   Heute ist ein besonderer Tag. Das Bergfest unseres Symposiums steigt in ein paar Stunden. Ein großes Zelt wird aufgebaut, Tische und Stühle gerückt und unsere Arbeiten in  bestmöglicher Anschaulichkeit präsentiert. Auf diesem Fest wird der Begriff eines Symposiums besonders deutlich: Das in der Gemeinschaft Erarbei-tete wird nun einer großen Besucherschar und uns selbst zur Diskussion bereitge-stellt, wir essen und trinken und das bei guter Live-Musik.

Andree lädt zur Bootsfahrt auf der Weser ein. Was als Erkundung der Umgebung gedacht, gerät unversehens zum Hineinhorchen, dem Resümee der letzten Arbeitstage. Das Blinzeln in die heiße Sonne, das gleichmäßige Brabbeln des Motors und der umfächelnde sanfte Wind sind Rhythmusgeber unserer Gedanken, lassen uns die neuen Erfahrungen in die Koordinaten unseres Atelier-Alltaglebens vorab schon einmal einpflanzen

TeilnehmerINNEN des Symposiums

Peter KF Krueger
Hanne Riebau

Barbara Deutschmann
Claudia Christoffel
Diâna Dimza-Dimme
Iluta Rode
Patricija Bretke

Rosa Jaisli
Sylvia Meðkone
Alexej Bogdanow
Harald Jegodzienski
Johann Behrends
Mâris Subaès
Oliver Voigt