Geschichten
von Symposien

Harald Jegodzienski
Gott grüßt die Kunst

5. Internationales Keramiksymposium
in Halle/Saale
2008

 

Text Box:    Abseits des Symposiums „19 Erwartungen“ in Halle (VII/08), beschränke ich mich im Folgenden auf lediglich eine Erwartung, die mir jedoch übergroß erscheint, sie erfüllt zu sehen. Eine Gestalt aus Worten soll errichtet werden, - nur für mich, die die Fragen versucht zu beantworten:

Was kreieren wir Künstler und aus welchem Grund, - welche Konsequenzen hat das Denken und Handeln dieser kleinen kreativen Gesellschaft und was bedeutet dies alles für die große allgemeine Gesellschaft?

Wofür bauen wir Skulpturen, malen wir Bilder, - für uns selbst, für den Markt, oder für den sog. Kunstfreund?

Ein Sammelnder
reflektiert …

Ein Sammelnder, um mit ihm anzufangen, reflektiert, was er oder sie sammelt, überführt die Objekte des Begehrens in den Hort der Zusammenfassung einer Überzeugung und weist damit über die Summe eines Ganzen hinaus. Denn aufgrund der Nähe der Dinge beginnen alle Teile miteinander zu „schwingen“, es entstehen Vergleiche, aus denen man Erkenntnisse schöpfen kann, die so nie zu schöpfen wären; - alles gefiltert durch die Urteilskraft einer Person, die auf unsicherem Terrain, ohne Maßstäbe und Standards der Beurteilung, sich zu einer Sammlung entscheiden kann.

„HandWerk“
Anton Reijnders - Niederlande

Soweit zur Definition unsers Kunstfreundes. Bis spät in den 80-iger Jahren gab es auch in der Keramikszene eine rege Sammlergemeinde. Argumente, dass dies sich grundlegend geändert hat:

Diese Sammlergeneration ist in die Jahre gekommen, die räumlichen Ressourcen sind ausgeschöpft, die Sammlung als Schenkungen an Museen überführt, (so dass auch die Museen keinen großen Bedarf von Ankäufen verspüren) und eine Werteverschiebung des Konsumverhaltens. Die kleine, nachrückende Schar von Sammelnden hat demnach nun auch andere Ansprüche an ihre Sammlungen.

Ist nicht der Kunstbegriff
neu zu definieren?

Ist nicht der Kunstbegriff auch neu zu definieren? Innerhalb unserer IT-Gesellschaft hat der Kosmos der Kunst sich zum Jahrtausendende hin tief greifend verändert. Durch die digitalen Techniken wird eine immaterielle, virtuelle Welt gezaubert. Man ist verzaubert, mit ein paar Befehlen grundsätzliche Veränderungen oder Positionen der erwünschten Gestaltungen zu erzeugen, die, wie auch auf dem Symposium zu sehen waren, dreidimensional aus einer Maschine ausgespuckt werden können. Gedanken werden nicht nur zwei-dimensional anschaulich und dies in atemberaubender Geschwindigkeit auf der Mattscheibe eines Computers zelebriert, sondern können sich handfest vor uns aufbauen.

„HandWerk“
Heidi Preuss-Grew -
USA

Ist nicht zu konstatieren, dass Kunst durch die vielen Stufen der Selbsterkenntnisprozesse der letzten Jahrzehnte sich durchgearbeitet hat und somit e i n e grundlegende Entwicklung abgeschlossen ist? Ausweg der Künstler scheint seit einiger Zeit einerseits in ihren Angeboten ganz persönlicher künstlerischer Sprachen zu liegen, die erst erklärt werden müssen, um verstanden zu werden. Andererseits scheint die Kunst durch die neuen digitalen Werkzeuge zur Wissenschaft geworden zu sein, die dann sich selbst reflektiert. Schließt sich die Frage an, ob Kunst überhaupt noch in unserer Gesellschaft ihre ästhetische Funktion ausübt?

Die Zustandsveränderung der Kunst scheint darin gegründet, dass durch intuitives Verwenden von Problemlösungen mittels unbestechlicher Computertechnologie, - stets wiederhol- und speicherbar -, Kunst programmierbar geworden ist, - mit Handlungsanweisungen, Interaktivität und Virtualität; sei es als Vorbereitung oder Realisation künstlerischer Arbeit

Das „Eigentliche“ wird
vom Kunden kreiert …

Diese Gebrauchs- bzw. Handlungsanweisungen heben den Betrachter von Kunst schließendlich zum eigentlichen Akteur auf die Kunstbühne,- was ein besonderes Schlaglicht auf die o.b. Sammlerschaft und den nachfolgend beschriebenen Aspekt von Design wirft. Gibt nicht schon jetzt die Kunst das handwerkliche Reflektieren unserer Welt auf, da das „Eigentliche“ beim „Kunden“ kreiert wird?

„HandWerk“
Heinke Binder – Halle/Saale

Ist die „göttliche Eingebung“ dem Kreativ-Schaffenden abhanden gekommen, wie man es von Künstlern gemeinhin annimmt? - „Gott grüßt die Kunst“, - dieser Gruß auf einer Plakette geprägt, ziert einer der zuverlässigsten Druckmaschinen, die in den vergangenen 150 Jahren Jahrzehnte lang ihren Dienst uns anbieten kann. (Entdeckt auf einem Symposiums-Rundgang durch die „Spinnerei“, einer wohlgestalteten Kunst-Visitenkarte Leipzigs: Eine schier unendliche Zahl an Galerien, Ateliers und Werkstätten bilden den Kosmos einer Gestaltfabrik). Nun kann jeder auch teilhaben an der Zuverlässigkeit und Unbestechlichkeit einer Maschine namens Computer, reiht und breitet sich ein und aus,- meist unreflektiert -, auf aufbereite Felder (mit seinen Begrenzungen) von gestalteten Programmen. Und jeder hat das Gefühl, bei sich angekommen zu sein. So fällt die Erwiderung Gottes Gruß auf der Plakette freudvoll aus: „Danke, uns geht’s gut!“

„Gott grüßt die Kunst“

Spätestens seit Beuys können wir uns alle als Künstler betrachten und annehmen, dass alles ein Kunstwerk ist; - grünes Licht, uns selbst demnach als neuen Werkstoff zu betrachten: Der Mensch als Star des Alltags. Und tatsächlich ziemlich alles wird zurzeit auf die Kunstbühne gehoben: Haute Couture, die fahrbare Skulptur (das Automobil) und selbst das kalte Buffet wird als Kunstevent zelebriert. Und alles dient im Zentrum der Gedanken dem Lifestyle und der Spiegelung uns „Usern“, - und der Industrie.

Wir befinden uns also in einer Zeit des „Starwerdens“, mit dem Grundmuster, sich einer angesagten Szene zugehörig zu fühlen mit dem feinen, aber wichtigen Zusatz, diese Szene mit seiner ganz persönlichen Note ergänzen zu wollen. Natürlich ist z.B. der Handy-Besitz obligatorisch, - jedoch welche Verpackung, Farbe und welcher Klingelton ist der entscheidende Faktor des coolen Ausweises eines Lifestyle-Attributs. (Heidi aus den USA berichtete uns in Halle von einem Teenager in ihrem Bekanntenkreis, der den behördlich anerkannten Vornamen „rising star“ sein eigen nennen darf). Nicht nur in den USA sucht man den Superstar, das Supertalent. Na, ja, jeder scheint oder wähnt sich zumindest kurz vor der ersehnten Entdeckung, ist auf dem Weg, wenigstens sich einen Namen zu machen. Oder zumindest gibt man auf der Alltags-Bühne eine gute Figur ab. Man muss sich dafür nur noch ein bisschen darum bemühen. Zum Beispiel den Schönheitschirurgen oder das Tatoo-Studio aufsuchen, d.h. die eigentlichen Skulpteure zu konsultieren, die das Eigentliche der persönlichen Weltsicht in bestmöglicher Inszenierung realisieren können. Diese Welle fing mit dem Umgestalten und Umbau des Körpers an, mit sehr viel Disziplin und Ausdauer im „Bodybuilding“, und gipfelt momentan in der „Bodymodifikation“. Was vor ca. 10 Jahren als „letzter Schrei“ den Models auf Modeschauen als Wundmale und Deformationen zum Schein aufgeklebt wurde und unter dem Motto „Protethik statt Ästhetik“ firmierte, ist nun harte Wirklichkeit. Unwiederrufbar für den Träger dieser „neuen Ästhetik“.

„bodymodifikation“

Laute Töne herrschen vor, dass Tiefgründige ist zu belastend, braucht Zeit, es verstehen zu lernen. Und warum auch, es geht doch auch so. Also: oberflächlich an die Dinge herangehen, nicht schürfen noch baggern und die Dinge von oben her betrachten. Gebraucht man denn nicht auch die Elektrizität, ohne sie zu verstehen?! Somit gilt die Devise, das wenige gebrauchen, was man versteht, - gewinnbringend. Man kann ja das Thema wechseln, wenn das alte ausgedient hat.

Kunst im bisher herkömmlichen, klassischen Sinn scheint nicht mehr zu existieren. Die Auseinandersetzung mit Kunst, außer ein paar Kunstfreunden für zeitgenössische Kunst, - die wenigen auserwählten Heroen -, scheint zu kompliziert geworden zu sein, und raubt zudem einem noch das Kostbarste (neben der Gesundheit), - die Zeit.

„HandWerk“
Maria Kuczynska -
Polen

Visionen werden schon lang nicht mehr von Künstlern der Gesellschaft angeboten. Aus den bekannten Hochschulen werden weltfremde Künstler auf die Markt-Bühne gehievt, „the show must go on“.

Von der Leichtigkeit des Seins zur Schwerkraft der Keramik:

Zur Spiegelung des Lifestyles scheint mir die Keramik durch ihre Sprödigkeit, Schwere und Kleinheit nicht sonderlich dienlich sein zu können; außer man trifft auf die kleine Schar Gleichgesinnter. Interessant ist dabei die Frage, in wieweit die Kommunikationsfähigkeit der typisch keramisch ausgeprägten Arbeiten lediglich auf die „Familienrezeption“ begrenzt ist, oder ob sie Kraft über sie hinaus zu wirken, besitzt!? Andere Indizien sind als Gegenströmungen außerdem zu notieren: Viele Keramik-Abteilungen deutscher Universitäten wurden aufgelöst. Valda und Anton berichteten aus Lettland und den Niederlanden, dass lediglich nur noch jeweils eine universitäre Ausbildungsstätte existierte, die zudem auch noch um ihr Überleben kämpften. Sehr viele Öfen, in der Hochzeit der Töpferbewegung in den 70-igern angeschafft, werden nun aus Schulen zu Spottpreisen verkauft oder gar verschenkt und viele neue Materialien präsentieren sich selbstbewusst als Statthalter von Keramikprodukten.

„HandWerk“
Maria-Petra Ondrej - Leipzig

Können wir tatsächlich mit unseren kleinen und schweren Arbeiten sinnvolle Kommentare geben, unser Staunen kleiner Begebenheiten und Gedankengänge der Gesellschaft anbieten,- in einer Zeit, überlastet von Gier nach Dramen?

Werbefachleute gebrauchen wissenschaftliche Erkenntnisse z.B. der Gehirnforschung, um mit ihrer Hilfe uns nicht nur etwas anbieten zu wollen, sondern ihre Vorstellung direkt in uns und an die richtigen Stellen zu platzieren.

Wir haben auch Vorstellungen, nein, besser Kenntnisse über innere Befindlichkeiten und Struktur eines Werkstoffs, der dies fordert und zudem uns auf vielfältige Art spiegeln kann. Nicht umsonst wird er in der Therapie vortrefflich eingebunden.

„HandWerk“
Valda Podkalne -
Lettland

Wir, die wir mit der formbaren Erde gestalten, haben technisch gesehen zwei Möglichkeiten. Wir formen mit keramischer Haut und/ oder Masse. Einerseits mit der Masse, bei der man die Außenkräfte auf sie einwirken kann und sozusagen diese Gestaltungsweise als Statthalter für die äußere Herangehensweise nehmen kann. Die inneren Begebenheiten brauchen nicht sonderlich beachtet werden, die Gestalten stehen für sich, d.h. ohne auf die inneren Ereignisse zu achten, kann die ganze Konzentration auf Informationen der Oberfläche gerichtet und von dort auch abgelesen werden. Abgüsse sind die logische Arbeitsschrittfolge oder die Aushöhlung.

Andererseits die keramische Haut, einer Wandung, auf die Außen- und Innenkräfte einwirken können und somit das plastische Urprinzip von konkav und konvex aufnimmt. Diese Herangehensweise spiegelt die Kenntnis der inneren Begebenheiten, da man über Statik und aufgrund des Zeitfaktors auch über Prozesse wenigstens ein gutes Gefühl mit einbringen muss, um am Ende der Gestaltung die Informationen der inneren Befindlichkeiten nach dem Rodin´schen Prinzip an der Oberfläche ablesen zu können.

Was also bietet sich für uns Keramiker als „Ausweg“ der beschriebenen Sachlage an? Wie ist die unbeschreibliche Faszination zu umschreiben, mit diesem Erden-Werkstoff zu arbeiten?

„HandWerk“
Renée Reichenbach – Halle/Saale

Das Material ist ein wahrer „Tonmeister“, ein Material, von dem man tatsächlich aufgrund seiner Eigenschaften mannigfaltig lernen kann, - was für einen Unkundigen etwas mysteriös erscheinen mag. Dieses „biblische“ Material (Adam, Knochen, Ton) besitzt zudem zweierlei Art von Gedächtnis: Einerseits nach der Formung; - bin ich passiv, d.h. ich bin am Ende der Formung, ist der Ton aktiv und zeigt die Güte der Verarbeitung. Andererseits sind alle Informationen der vergangenen Jahrmillionen in diesem Ablagerungsprodukt enthalten, mit denen ich unbewusst oder bewusst hantiere. Zu alle dem sind alle Elemente (Erde, Feuer, Wasser und Luft) die ständigen Begleiter eines Keramikers und damit auch das prozessuale Schaffen an sich. Dieser Stoff lebender Natur berührt in Bearbeitung und Anschauung dadurch archetypisches Wissen und kreuzt sich durch seine Bearbeitung und Anschauung mit unserem Bewusstsein.

Das Material ist ein
wahrer Meister …

Mir scheint, durch das Durchleben und Durcharbeiten der inneren Konditionen dieses Werkstoffs, das auch menschliche Befindlichkeiten spiegeln und fixieren kann, ist in besonderer Weise geeignet, einerseits zum Erkenntnisprozess des Kreativ-Schaffenden und andererseits können wir diese besondere Kraft anderen Kreativ-Übende in Seminaren anbieten. – Auch wenn es zum „Starwerden“ der Seminaristen und damit zum Lifestyle beitragen sollten. Ein Versuch, diesen Ansatz zu fokussieren, scheint mir wichtig. - Die übergroß erscheinende Welle einer Immaterialisierung scheint uns überschwappen zu wollen, doch schon bald wird sich das Gefühl fehlender Erdverbundenheit und taktiler Versäumnisse einstellen und nach Lösungen dieser Verluste aufgespürt werden. Da kann sich die Schwerkraft der keramischen Bewegung zur Gestalt- bzw. Lebenskraft entwickeln.

„HandWerk“
Marianne Eggimann - Schweiz

Die olympischen Spiele sind gerade mit einem grandiosen Fest eröffnet worden. Ein großes Land präsentiert sich, setzt sich in Szene, - wieder das dechiffrierte alte Spiel mit der spiegelnden, repräsentierenden Oberflächen. Auf dem „erdigen“ Symposium in Halle stehen die 5 olympischen Ringe zwar nicht für Kontinente, doch 5 Nationen werden schon repräsentiert, - zugerechnet das Gastgeberland als Fundament des Symposiums. In den drei Wochen entstehen zumeist realistische und symbolistische Skulpturen; je eine dieser Symposiumsarbeiten wird in die Sammlung der Moritzburg Einzug halten. Dort, in den Archiven, bewundern wir u.a. das Werk Gertraud Möhwalds, langjährige Professorin der Keramikabteilung der Burg Giebichenstein in Halle. Interessant zu sehen, wie sie vom Gefäß her kommend, ihre persönliche skulputurale Schreibweise erobert: Zum Schluss ohne Achtung „keramischer Regeln“, mit farbigen Papierschnipseln beklebt, aber mit der Würde skulpturaler Aussagen.

„HandWerk“
Johannes Nagel
Halle/Saale

Bei Kunstobjekten liegen Konzeption und Herstellung in einer Hand. Da wird das Verborgene gesucht, - meist abseits sprachlicher Fixierung. Im Endeffekt steht vor dem Schaffenden und Rezipient eine Skulptur oder ein Bild, bei denen keine Fakten, aber Geschichten präsentiert werden, die in uns durch sie bewirkt werden. Und dies geschieht exakt auch beim Design, jedoch bei Verzicht des Original-Anspruchs. Aber selbst die Existenz eines Originals muss hinterfragt werden, da sich auch dieser Begriff völlig gewandelt hat. Live-Konzerte z.B. werden nicht mehr als „live" erlebt, sondern anders … und dazu noch unstimmig, da es von der CD abweicht, die man/frau von zuhause gewöhnt ist. Es hat sich etwas Grundlegendes verändert: Das Original wird zur Reproduktion.

Im Design u n d „Freier Kunst“ vereinigen sich intellektuelle, praktische, kommerzielle und ästhetische Belange, - Material, Machart und innere Befindlichkeiten und bieten sich für den inhaltlichen Genuss an.

Nicht nur in der Kunst, sondern auch im Design ist im 20. Jahrhundert eine beispiellose Pluralität zu konstatieren. Beide Bereiche sind aber auch von einem sich ständig änderndem Verbraucherverhalten, neuen Geschmacksrichtungen, unterschiedlichen kommerziellen und ethischen Voraussetzungen bei Künstlern, Designern und Erfindern geprägt. Ursprünglich in der industriellen Revolution als Konzeption und Gestaltung für die industrielle Produktherstellung entwickelt, scheint Design ihre Blüte in der technischen Revolution ausdrücken zu wollen. Neben diesem außergewöhnlichen technischen Fortschritt ist die Rolle der Werbung von Industrie hervorzuheben. Hier werden erst die gerade beschriebenen Bedürfnisse kreiert und damit beim Kunden geweckt. Wie schon oben angemerkt, gebrauchen Werbefachleute wissenschaftliche Erkenntnisse z.B. der Gehirnforschung, um mit ihrer Hilfe ihre Vorstellung direkt in uns und an die richtigen Stellen zu platzieren. Man fühlt sich also leicht oder jung, greift man zu diesem oder jenem Produkt. Eine Verpackung entscheidet über den „persönlichen“ Lifestyle. Nicht wunder, dass sich Sponsoren immer mehr den handfesteren Dingen, der Kultur ab- und z. B. dem Sport zuwenden (87% aller Sponsorentätigkeiten), um kommende Kundschaft auch massenhaft und direkt erreichen zu können.

Wohlstand gebiert
die Lust nach Styling…

Design (auch Kunst und Handwerk) sollte stets im Kontext des jeweiligen sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und technologischen Umfeldes betrachtet werden. In diesem Zusammenhang bedarf das „Styling“ einer besonderen Erwähnung. Styling, oft ein ergänzendes Element der Designlösung, ist jedoch eine separate Disziplin. Es setzt sich mit den Oberflächen auseinander, reflektiert die äußere Erscheinung eines Gegenstandes. Design hingegen befasst sich mit der Lösung von vielschichtigen Problemen, konzentriert sich auf das Wesen der Dinge und strebt nach Vereinfachung. Interessant dabei ist, dass Styling in Zeiten wirtschaftlicher Aufschwünge stets bevorzugt, Design dagegen in Rezessionen geschätzt wurde. Wohlstand gebiert die Lust nach Styling (Anti-Rationalismus), wirtschaftliche Dürftigkeit fordert den Funktionalismus. In der Jetzt-Zeit ranken Floral-Girlanden auf allen Häuten: auf Sporttrikots bei der letzten Olympiade, sie wuchern auf Tapeten und als Tatoos. Wie vor genau 100 Jahren, dem Jugendstil, wo ganze Städte neu gestaltet wurden und das Bürgertum durch alle Schichten prosperierte.

Designer, die wahren
Interpreten …

Längst ist nicht mehr die Kunst-Avantgarde, sondern sind Designer die wahren Interpreten unserer Zeit. Design erfüllt nicht nur die Anforderungen an einen Gebrauchswert, sondern setzt mit ihren Entwürfen vor allem Tätigkeiten und Situationen in Szene, spiegelt unser Lebensgefühl wieder und ist mit unser aller Alltag tief greifend verwoben. Es ist also ein Medium, das Ideen, Einstellungen und Werte transportiert und uns näher bringen kann, was den Designern ihrer Auffassung nach wichtig ist in der Beziehung zwischen Gegenständen, den Benutzern und das innerhalb der Gesellschaft. Und damit reflektiert Design Charakter und Denkweise nicht nur eines Individuums wieder, sondern ist Spiegelbild des Zeitgeschehens einer Gesellschaft. Ist dies, um den anfänglichen Bogen aufzugreifen, noch von dem Kunstgeschehen zu behaupten? Und wieder zum Sammler: Schon seit geraumer Zeit werden Konsumgüter derart gestaltet, um sich als Kulturträger zu präsentieren. Prompt bieten sich diese auch als Sammelgebiete an und damit auch das Konsumieren als anspruchspruchsvolle Kulturtechnik. Seismograph dafür sind aktuelle Auktionen und Ausstellungen.

„Was des Volkes Hände schaffen ist des Volkes eigen“

Die jetzt aufgebaute „Wortskulptur“ sollte nur für mich errichtet worden sein. In Umformung der auf der Burg Giebichenstein gefundenen Reliefplatte findet nun der Text sein Ende:

Was des Symposiums Hände schafften, - so auch diese geschriebenen Zeilen -, ist des Symposiums eigen.

Symposiums-TeilnehmerINNEN:

Heidi Preuss-Grew (USA)
Maria Kunczynska (Polen)
Anton Reijnders (Niederlande)
Valda Podkalne (Lettland) Fotos „HandWerk“
Marianne Eggimann (Schweiz)
Johannes Nagel (Halle/Saale)
Renée Reichenbach (Halle/Saale)
Heinke Binder (Halle/Saale) Projektleiterin
Maria-Petra Ondrej (Leipzig) Projektleiterin