Geschichten
von Symposien

Harald Jegodzienski
Orange in Crinitz

1997

Veröffentlichung:Sächische Zeitung, Spezial PLUSZ

Die gleißende Sonne tastet flimmernd die Zuschauertribünen ab. Hart wandern die Schatten unwirklich im Raum, applaudieren immer noch den antiken Baumeistern. Wäre das marmorne Säulenstakkato an der Bühnenwand noch vorhanden, verteilte sich der Schall der Begeisterung besser. Einst konnten Pferdewagen seitwärts den Schauplatz bestürmen, über versteckte Gangsysteme bot man dem staunenden Publikum eine Kunstwelt an. Diese nachgespürte Perfektion von Kulisse im antiken Theater von Orange gebiert die Vorstellung, dass hier dem Publikum auch wichtige Nachrichten offeriert wurden, kunstvoll verpackt, dass selbst Huren der Zugang nicht verwehrt wurde, damit auch sie auf den zugewiesenen hinteren Rängen dem Spektakel beiwohnen konnten. Parallelen zur Nachrichten-Allmacht des Fernsehens zwängen sich auf.

Bei der antiken Bezeichnung „Orchester" für „Bühne" aber fällt mir trotz meines provencalischen Aufenthaltsortes die Bitte ein, meinen Standpunkt zum Symposium zu formulieren. Vielleicht erreicht mich der Formulierungswink gerade hier in diesem römischen Theater, weil mich dieses antike „Orchester" als Wortofferte an die konzertante Taufhebung des sächsisch/ brandenburgischen Symposiums erinnert. Und ganz bestimmt auch an die wohlbereitete Arbeitsbühne, die unsere Arbeiten zum Schauspiel forderte.
Wie bei jedem Zusammentreffen von Keramik- Kollegschaften wird der Grundgedanke der antiken Griechen von Symposion als „Trinkgelage" erweitert - um das zwanglose Arbeiten, Diskutieren, das Austauschen und Erörtern von Ansichten. Ein Symposium bedeutet für mich, frei zu sein von den Alltagsanforderungen, es bedeutet Konzentration auf die Ahnungen, die hinter den Mauerchen der Alltags-Selbstbegrenzungen schlummern, fächerübergreifenden Formulierungen, die eigenen Stärken zu finden, in Kommunikation mit den Menschen, den neuen Räumen, den neuen oder anders-artigen Materialen zu treten, sich zu reiben, Fragen zu stellen, Fragen anzuhören. Das heißt Werkstattversuche und -untersuchungen in zeitlicher Kompression, persönlich, wie innerhalb einer Gruppe.
In Crinitz wie in Graupzig sollte mit sächsischen Lehmen und Tonen gearbeitet werden, die abhanden gekommenen Beziehungen dieser Materialien zur Architektur untersucht und versucht werden, sie wieder herzustellen. So der Auftrag. Wir sollten mit dem ältesten Werkstoff der Menschheitsgeschichte neue Bande mit der Architektur knüpfen. Wir, die wir neben den „Marmorianern", „Granitinern" oder „Stahlisten", die wenigen sind, die in ihrer Berufsbezeichnung den Materialaspekt aufgenommen haben und uns „Keramiker" nennen. Die formbare Erde sollte als Ziegel gebrannt nicht wie schon zu antiker Zeit zur Aufhängung der Mamorvertäfelung dienen und/ oder nicht als feuchtes Plastizierungsmittel für Bronzestatuen als notwendiges Vorstadiums- oder Durchgangsmaterial fungieren, sondern in seinen ursprünglichen Energien wahr und ernst genommen werden. Unsere dreiwöchige Symposiumszeit sollte der Aufspürung und Reflexion der Eigenkraft des Baumaterials Ton und Lehm im Zusammenhang mit Architektur dienen.
Neue Räume provozieren neue Aufgaben für einen uralten und alt- bekannten Werkstoffs. Die Crinitzer Räume flüstern das Zauberwort „Verknüpfung". Eine Heerschar von Materialien mit Geschichte umlagert die Arbeitsarena, hisst ergeben die weiße Flagge. Man muss nicht suchen - man findet. Damit fällt es schwer, seine Hausaufgaben zu verrichten. Steckt aber nicht in jeder noch so kleinen Skulptur auch Architektur?
Der eigene Pulsschlag mischt sich mit dem Takt des Maschinenorganismus, der uns mit dem ersehnten Halbzeugmaterial füttert. Einem Fluss, der uns entgegenkommt, ständig, der Gabelstapler als Vermittler. Jeder Haufen Dreck ist zunächst eine Goldgrube, - die Oberflächen der entstandenen Arbeiten wollen beherrscht sein, oder doch zumindest einen vollendeten Eindruck hinterlassen. Bis das Meißener Veredelungspaket aus Porzellan und Farbkörpern uns erreicht und nun ganz andere Oberflächenbehandlungen provoziert und auch gebiert. Aber die tektonischen Körper? Die Zeit drängt. Schätze an gefundenen Materialien stapeln sich an den Flanken der Arbeitstische. Gestelle werden konstruiert, es wird gehämmert, gesägt, gebaut, geschweißt. Die Arbeitsräume zwischen den stillgelegten Öfen nehmen die Form eines Labyrinths an. Vormalige Plätze und Straßen werden zu Hinterhöfen und Gassen. In diesem gewachsenen Organismus entstehen zudem kleine Cafeterias, Koch- und Getränkeausgabestellen. Raufbold-Katzen leben mit uns und übernehmen nach Feierabend unsere Essensreste.
Die entstandenen Arbeiten sollen nun die entstehungsgeschichtliche Heimat des Fabrikgeländes verlassen, um in eine Passepartout-Kulturlandschaft einzutauchen. Die von der Jury zusammengestellte, augenschmeichelnde Ausstellung wird neue räumliche und damit rezeptorische Beziehungen unsere keramischen Arbeiten mit anderen Räumen und thematischen Ansatzpunkten knüpfen können. Wohl wissend, dass wir nur Formenzipfel architektonischer Diskussionen präsentieren können.
Aber vor den Visionen stehen Fragen und Erfahrungen, hier die ersten Erfahrungen des ersten sächsischen Symposiums. - Mir ist nur ein Symposium bekannt, es fand letztes Jahr in Israel statt, wo den Keramikern schon im Vorfeld einer gemeinsamen Arbeitszeit genaue Zielvorgaben seitens des Veranstalters gemacht wurden. Diese „Ordnung vor der Gestaltung" lässt klare Reflexionen zur Themenstellung erwarten, auch dass eine Jury mit gezielten Einladungen reagieren kann und dass die Resultate in der Nachbereitung besser verknüpft und gebündelt werden können. Dabei darf das gerichtete Spiel aber nicht ausgeklammert werden, da sonst auch Grenzgänge oder Versuche, Grenzen beschreiten oder überschreiten zu wollen, ausgeklammert würden. Eine ebenfalls gerichtete Offenheit birgt die Chance, etwas Neues zu ermöglichen.
Wir, die KeramikerINNEN, brauchen die Potenz der Industrie, um in unserer Disziplin etwas zu bewegen. Und die Industrie braucht uns als Sachverständige für freie Formen und Inhalte. Dafür jedoch benötigen wir alle eine Bühnen- Vermittlung, entsprechend meinem provencialischen Vorbild in Orange. Das können Symposien, Kataloge und auch Ausstellungen sein, um in Zuschauern auf dem Sitzfächer des Kunsttheaters Ansprechpartner für unsere Gedanken zu finden. Dafür müssen wir die Bühnen wie zu Vorzeiten mit allen Kräften bestürmen und gleichzeitig die versteckten Gangsysteme ausfindig machen, ihrer habhaft werden, um so redlich und auch visionär formgewordene Gedanken vorstellen zu können. - Ein Schelm und Verkenner der Situation, der die marmorne, gönnerhafte Geste Kaiser Augustus im Zentrum des antiken Theaters von Orange auf lebende Personen übertrüge. Nur gemeinsam und konzertant können wir die Produkte aus dem Naturmaterial Ton in unserer zunehmend künstlichen Welt stark machen

TeilnehmerINNEN des Symposiums

Heinke Binder (Deutschland)
Jens Bergner (Deutschland)
Martina Getzner (Österreich)
Ineta Greiza (Lettland)
Waltraut Gschiel (Österreich)
Harald Jegodzienski (Deutschland)
Heidruni Kley-Baltes (Deutschland)
Orest Misjko (Lettland)
Dirk Richter (Deutschland)
Klaus Schultze (Deutschland)
Petra Töppe (Deutschland)